Titel_DNR_250.jpgIn der von ihm 1914/15 gegründeten Zeitschrift "Das Neue Reich" hat Karl Vanselow einen kleinen Einblick in sein Leben gegeben.

Er berichtet, wie er in seiner Villa den Beginn des 1. Weltkriegs erlebt, den er uneingeschränkt begrüßt. Er hat in dieser Zeitschrift mehrere heroische und patriotische Gedichte veröffentlicht, die den Tod auf dem Schlachtfeld verherrlichen. Eine Haltung die vermutlich die meisten Intellektuellen seiner Epoche und vor allem seine näheren Bekannten teilten.

Es scheint, daß sich ein hochrangiger Offizier unter falschem Namen an seinen verlegerischen Aktivitäten beteiligt hatte und beide zusammen in der Villa in Werder/Havel nicht nur gearbeitet, sondern auch die Freizeit zusammen verbracht haben (Baden, Segeln auf dem Zernsee).

Er schrebt von Enttäuschungen mit schönen Frauen, von einer kurzen, unglücklichen Ehe und von falschen Freunden, die ihm seine Erfolge neideten. Mit der Ehefrau kann nur Elisabeth Vaselow, geborene Müller, gemeint sein. Die gelegentlich in der Literatur angeführte Olga Desmond scheidet aus.

DIE GESCHICHTE DER NEUEN SCHÖNHEIT.
Aus Dichtung und Leben der neuen Zeit.
Von KARL VANSELOW.

Ich kann es noch immer nicht fassen, wie alles gekommen ist. Die Zeitungen bringen in großen Buchstaben deinen Namen, schwarz auf weiß und doch wie goldenes Feuer vor meinen Augen. Dein Bild schmückt jedes Blatt, deine Heldentaten füllen die Spalten, geschildert mit den Jubelworten unsagbarer Bewunderung und Begeisterung. Von allen Häusern wehen die Fahnen und gelten dir, jeder Gedanke von Arm und Reich, von Jung und Alt ist bei dir, bei deinen tapferen Heeren auf den Feldern der Schlachten, wo sich die Geschicke der Welt entscheiden und wo unter deiner Führung Hunderttausende dem Feinde entgegenstürmen, ihr Leben nicht achtend, stolz im Siegen und Sterben.

O
daß ich nicht bei dir bin, um an deiner Seite mitzuerleben, was du mit deinen braven Soldaten Großes vollbringst! Zu jeder Stunde denke ich an dich und mir ist, als höre ich, wie mit wuchtigem Schritt Hunderttausende deutscher Krieger über die Erde dröhnen zu neuen Kämpfen und Siegen, während auf dein Geheiß an den Wolken entlang die Flieger und Luftschiffe brausen und die schweren Riesengeschütze die Luft erschüttern. Dann denke ich an unseren stillen Zernsee, der so garnichts vom Kriege erkennen läßt, und an die schönen Sommertage, die wir gemeinsam in Schönheit und Frieden genießen wollten, an verträumte Segelfahrten früh schon in Morgenrot und Sonne oder spät noch auf mondüberflutetem Silbersee, an frohe Plauderstunden auf der Bootshausterrasse oder unten am Laubengang neben dem Wasser. Wir fahren zum Baden hinaus oder photographieren oder wir laden uns liebe Menschen ein und freuen uns an Musik und Tanz in geselligem Kreise. Vielleicht wäre auch ,,Onkel Pellmann" gekommen, der so herrlich zu musizieren und so schön zu erzählen weiß. Oder wir arbeiten gemeinsam an schönen Büchern und Bildern im Dienste des Schönheitgedankens, der uns zusammengeführt. Wie anders ist alles geworden!

Und ich denke an den Kaiser, dessen Palast meinem Haus gegenüberliegt, drüben, jenseits des Sees und der Wiesen, zwischen den grünen Wipfeln, mit grünen Kuppeln, deren wechselndes Bild in Sonne und Nebel, in Wolkendunkel und Abendschein, in Mondlicht verdämmernd oder in schwarzer Nacht gegen den Schein des Lichtmeeres von Berlin verschwimmend,
so oft meinen Blick und meine Phantasie fesselte, wenn ich von meiner Arbeit ans Fenster trat. Wie viel stille Gedanken und verschwiegene Wünsche habe ich zu dem Herrn dieses Schlosses auf dem Wege der Gedanken hinübergesandt!

Nun ist er fern im Feindeslande bei euch,
- vielleicht reitet er an deiner Seite und redet mit dir, eurer Siege froh und mit gutem Vertrauen für den weiteren Kriegsverlauf, du aber bist in Gedanken versunken, halb noch im Rausch des Errungenen, halb in Vergangenheiten versonnen, in Träume und Erinnerungen an die Zeit des verlorenen Friedens, der neu zu erkämpfen ist, und an die Frau mit den schönen Augen, die deine heimliche Liebste und zugleich Schicksal und Schmerz deines Lebens und deiner Sehnsucht ist.

So irren meine Gedanken zwischen Gegenwart und Vergangenheit, die so sehr von einander verschieden sind, daß es mir schwer wird, an die Wirk- lichkeit dessen zu glauben, was mir wie phantastische Träume erscheint. Aber auf meinem Tisch liegen die Zeitungen mit den Siegesberichten und in meiner Hand halte ich deine Telegramme und Briefe, die mir teuer sind wie das Heiligste auf der Welt. Sie sagen mir immer: wieder, daß alles doch Wahrheit ist; Und eine Andacht ergreift mich, wie ich sie nie gekannt. Welches wunderbare Geschick hat mich zu deinem Freunde gemacht, dem du dein Herz offenbarst und dein grofies beglückendes Vertrauen schenkst!

Ich sehe dich in Gedanken zu Pferde, eine stattliche, schöne Gestalt, mit gebräuntem Gesicht, ernst und ent- schlossen. Aber manchmal zuckt es um deinen Mund, als wollten sich deine Lippen blutig beißen, um zu unterdrücken und nicht zu verraten, was dich bewegt.

Nie in meinemLeben habe ich ein Tagebuch geführt oder Erinnerungen niedergeschrieben, obwohl ich vieles erlebte, was wert war, aufgezeichnet zu werden. Aber was die letzten Monate
mir durch dich und durch die Ereignisse dieser Zeit an Größe und Schönheit für ein ganzes Leben und eine ganze Zukunft brachten, das ist so überwältigend und erhaben, daß ich es festhalten muß, in Tagebuchblättern und Briefen, für mich und für dich, und für alle, die eine solche Zeit mit uns erleben.

Auch für sie, die du liebst und um die du leidest und bangst, um deren Wohl du mich bittest zu sorgen und deren Schicksal mir so nahe steht wie das deine. Mag auch
sie in diesen Erinnerungen sich wiedererkennen und die Größe der Liebe erfassen, die du im Kampfe um Glück und Pflicht ihr so bewunderungswürdig entgegen- bringst. Niemand kündet ihren Namen, keiner kennt ihr Bild, das mir doch von dir nun für immer untrennbar scheint.
Als du dieses Bild von Gerda mir sandtest, damit ich deine Liebe verstehen soll, war ich überrascht von der seltenen Schönheit der Züge, von der Lieblichkeit und dem Adel seelischer Größe und Reinheit, der aus den Augen sprach.

Als
ich dann noch am gleichen Tage deinem Wunsche gemäß sie besuchte, um deine Grüße und Briefe zu überbringen, fand ich von ihrer wirklichen Schönheit alles weit übertroffen, was das Bild mich vermuten ließ. Zuerst war ich verworren wie ein Kind und ich fand nicht die Worte und kaum die Gedanken zusammen, mit denen ich deine Wünsche vermitteln wollte. Wärest du nicht ein solcher Freund, wie du es für mich geworden bist, so würde ich mich kaum wohl des Neides um die Liebe eines solchen Wesens erwehren können, und ich wäre ein schlechter Vermittler.

So aber weiß ich, was ich an Treue und Dank dir schuldig bin, und es soll mir die heiligste Aufgabe sein, deines Vertrauens würdig zu sein und für euch zu tun, was ich irgend vermag. Was gäbe ich, wäre es mir vergönnt, die Schatten zu zerstreuen, die das Schicksal über diese eure so reine und schöne, so schwer geprüfte und so geduldige Liebe gebreitet hat, könnte ich euch helfen, daß ihr so glücklich werdet, wie ihr es beide verdient!

Von heute ab will ich
die Ereignisse niederschreiben, wie sie sich in meinen Gedanken und Stimmungen spiegeln, ich will sie mit deinen und mit Gerdas Briefen verflechten und meine eigenen Briefe in Abschrift oder Auszug dazwischen tun. Nur zurückblickend will ich noch kurz zusammenfassen, was bisher von Bedeutung war.

Du weißt, ich habe mir große Ziele
gestellt und viel schöne Erfolge errungen, aber auch viel wegen meiner Ideale leiden und kämpfen müssen, so daß ich des Lebens Schönheit oft kaum noch zu schätzen wußte. Meine Arbeit brachte mich viel in Verbindung mit interessanten und geistig hochstehenden Menschen verschiedenster Art, oft auch mit schönen Frauen, aber ich habe so viel Enttäuschung erlebt, daß ich mich trotz meiner angeborenen
sonnigen
Weltanschauung immer mehr gegen die Menschen verschloß. Meine allzufrüh und voreilig eingegangene Ehe war nicht glücklich und hat schwere Kämpfe erfordert, bis es zur Trennung und Befreiung kam. Diese Befreiung war mir ein Schritt auf dem Wege zu neuern Menschentum und neuer Lebensgestaltung.

Dann begannen wieder andere Kämpfe.
Ich verließ mich auf falsche Freunde, die mir die Früchte meiner Erfolge neideten und unter der Maske hilfreicher Förderung mich um einen großen Teil meiner Einkünfte und meines Vermögens brachten, so daß ich in meinem Schaffen gebunden war. Um so größer war der Dienst, den du mir als Unbekannter erwiesen hast, als du mir für meine vielfach anerkannte, aber auch häufig mißverstandene Arbeit zur Förderung der Körperkraft, Gesundheit, Schönheit und Sittlich- keit unseres Volkes jene Summe zur Verfügung stelltest, die ich als Geschenk nicht annehmen wollte und die dann als Geschäftsanteil festgelegt wurde. Heute verstehe ich, warum du dich damals nicht mit deinem richtigen Namen, sondern Baron von Dühren genannt hast. Nun, da ich die Wahr- heit kenne, weiß ich, daß auch du mit den gleichen Vorurteilen kämpfen mußtest wie ich. Aber imGegensatze zu mir warst du nur innerlich frei, nach außen gebunden; auch du littest unter dem Zwang der Vorurteile gegen Schönheit und Natürlichkeit. Du gabst Mittel für den Kampf gegen die auch dir in innerster Seele verhaßte Heuchelei und Scheinsittlichkeit, und doch mußtest du die Rücksicht neh- men, es nicht wissen zu lassen. Heute stehst du über den Vorurteilen, denn was du inzwischen unserem Volk und unserem Vaterlande geworden bist, das stellt dich so hoch, daß niemand dich anfechten oder herabziehen kann. Wie hat doch dieser Krieg die Menschen, die Begriffe und Werte und wohl auch uns selber gewandelt! Vielleicht gelingt es auch mir, wenn auch nui in be- scheidener Weise, im Arbeiten und Schaffen für die Größe unseres Vater- landes, das dir nun schon so viel ver- dankt, jenes neue Reich und jene Stelle zu finden, an dem die Vorurteile zu ichanden werden.

Wie schön, daß du mir heute nicht mehr als Unbekannter unter falschem Namen gegenüberstehst, wie noch im Juli dieses gewaltigen Jahres, als du meiner Einladung folgen wolltest, fern von Lärm und Mißgunst der Welt in ruhiger Einfachheit und Natürlichkeit in dem kleinen Paradiese der Schönheit, das ich mir hier so nahe bei der Groß- stadt und doch abseits in ländlicher Stille geschaffen, deine Ferientage zu genießen. Obwohl du mir fast noch ein Fremder warst, habe ich mich auf- richtig auf dein Kommen gefreut, weil ich ahnte, da8 unsere Freund- schaft anders sein würde als das, was man so oft mit Freundschaft bezeichnet.

Kannst du dir denken, wie doppelt schmerzlich es mir gewesen ist, da8 ich an dem Tage, an dem du telegraphisch deine Zusage gabst, ein weiteres Telegramm erhielt, welches mich von dem Tode meiner Mutter in Kenntnis setzte, und gleichzeitig mit deinem nächsten Telegramm über und Stunde deiner Ankunft ein neues aus meiner Heimat, in dem für denselben Tag das Begräbnis gemeldet war, und daß ich dich nicht selbst empfangen konnte, sondern die Hausdame bitten mußte, für deine freundliche Aufnahme und Einquartierung zu sorgen? In der Nacht nach dem Begräbnis, mehr an dich denkend als an die Tote, kehrte ich zurück und schlich leise durch mein Haus,um den schlafenden Gast nicht zu wecken. Und wie war ich enttäuscht, da8 du nicht gekommen warst. Nur ein neues Telegramm von dir: ,Wegen politischer Lage Abreise unmöglich". Und am anderen Morgen ein Brief mit den Worten: ,Es ist wie ein Verhängnis. Ich hatte die Fahrkarte schon gelöst. Aber die Lage ist zu ernst, am ersten Mobilmachungstage muß ich fort. Sobald die Lage sich klärt, telegraphiere ich, wann ich komme. Ich wartete..

Du bist nicht gekommen. Aber die großen Ereignisse kamen, die alles erschütterten.


(Fortsetzung folgt)

Eine Fortsetzung ist nie erschienen, die Zeitschrift kam über die ersten zwei Nummern nicht hinaus
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Das Vanselow-Projekt wurde von Roland Schnell aus Berlin angeregt. Hinweise zum Leben und Werk von Karl Vanselow sind jederzeit willkommen.
Weitere Angaben im Impressum.